Das Zhengyi erklärt: Dies erhellt den Text der Neun oben. »Der Meister sprach: Edel, aber ohne Stellung« – da die Neun oben keinen geregelten Rang besitzt und dennoch dort weilt, ist sie »ohne Stellung«.
»Hochstehend, aber ohne Volk« – alle sechs Linien entbehren des Yin, somit fehlt das Volk. Das Zhengyi erklärt: Weise Männer weilen zwar unten, dienen ihm jedoch nicht als Stütze. »Daher bringt jede Bewegung Reue.«
Das Zhengyi erklärt: Der Weise setzt diese Warnung, damit man in einer solchen Zeit nicht unbedacht handelt.
Zum Kommentar »Das Schöpferische umfasst und vollzieht die vier Tugenden«: Das Zhengyi erklärt: »Das Schöpferische vollzieht die vier Tugenden; der Edle stärkt sich unablässig und verwirklicht diese vier.« Der Kommentar fasst »Das Schöpferische« als Herrn der vier Tugenden auf.
Dass der Wenyan zu Beginn nicht von »Das Schöpferische« spricht, sondern die vier Tugenden voranstellt, wird hier hinterfragt und gelöst: Das Wesen des Schöpferischen hat für sich genommen kein isoliertes Verdienst, sondern umfasst allein das Wirken dieser vier Tugenden.
Diese vier Tugenden zu vollziehen, macht das Werk des Schöpferischen aus. Da der Wenyan zuerst davon spricht, dass der Edle sich unablässig stärkt und diese Tugenden übt, setzt er damit an und erwähnt »Das Schöpferische« nicht sogleich.
Sind die vier Tugenden vollkommen, vollendet sich das Werk des Schöpferischen von selbst; darum heißt es hernach: »Das Schöpferische: Urbeginn, Gelingen, Förderung, Beharrlichkeit«. Von »Verborgener Drache. Nicht handeln« bis »die Welt gelangt zur Ordnung«.
Das Zhengyi erklärt: Dies ist der dritte Abschnitt des Wenyan, der das menschliche Walten der sechs Linien schildert. »Verborgener Drache, nicht handeln; er verweilt unten« bedeutet: Der Weise befindet sich zur Zeit des verborgenen Drachen in niederer Stellung.
»Drache, der auf dem Felde erscheint; die Zeit gewährt Raum«: Raum gewähren bedeutet freies Geleit und Wirken. Dass Neun an zweiter Stelle als Drache auf dem Felde erscheint, zeigt, dass die Zeit ihm Raum gibt.
»Den ganzen Tag über schöpferisch tätig; seine Werke vollbringen« meint das Vollbringen jener Werke, die Anfang und Ende erkennen.
»Vielleicht wagt er den Sprung über die Tiefe; sich selbst erproben« besagt: Der Weise rückt der fünften Stufe nahe, wagt aber keinen voreiligen Schritt, sondern erprobt sich behutsam; er möchte voran, zaudert jedoch noch, darum heißt es »sich selbst erproben«.
»Fliegender Drache am Himmel; oben waltet Ordnung«: Der Weise nimmt den obersten Thron ein und regiert die Welt.
»Übermütiger Drache wird Reue haben; das Unheil des äußersten Endes«: Die Stellung ist erschöpft und zieht Unheil nach sich; Unheil bedeutet hier Reue, nicht völligen Untergang.
»Das schöpferische Urprinzip gebraucht die Neun, und die Welt gelangt zur Ordnung«: Im Text des Buches der Wandlungen heißt es »beim Gebrauch der Neun«; dies umfasst die gesamte Tugend des Schöpferischen.
Weil das Wort »Qian« nicht allein stehen soll, wird die Tugend des »Yuan« (Urbeginn) hinzugestellt. Gebraucht das schöpferische Urprinzip diese Neuner-Tugenden, so wird die Welt geordnet.
Neun an fünfter Stelle ist bloß eine Einzellinie von begrenztem Blickfeld, daher heißt es nur »oben waltet Ordnung«. Das »schöpferische Urprinzip« aber schließt alle sechs Linien ein und umfasst das Ganze, darum heißt es: »die Welt gelangt zur Ordnung«.
Zur Anmerkung »Dieser Abschnitt erklärt alles vollständig anhand menschlicher Angelegenheiten« bis »erkennt man den Zustand des Staates«: Das Zhengyi erklärt: »Erklärt alles anhand menschlicher Angelegenheiten« bezieht sich darauf, dass weiter unten gesagt wird: »Das Yang-Qi ist verborgen«, »Er nimmt die Stätte der Himmelstugend ein« und »Da offenbart sich das Gesetz des Himmels«; hier aber heißt es lediglich »die Welt gelangt zur Ordnung«, was gänzlich vom Menschen handelt.
»Ganz Festigkeit und Aufrichtigkeit zu gebrauchen und Schmeichler zu verbannen, vermag nur das höchste Weltprinzip«: Beim Gebrauch der Neun sind alle sechs Linien Yang, was »reine Festigkeit und Aufrichtigkeit« bedeutet.
»Schmeichler verbannen« meint, sich von heuchlerisch Sanften fernzuhalten. Solche Menschen schmeicheln mit sanfter Miene, hegen aber im Herzen Arglist, sodass niemand ihr Übel gewahrt, was schwer zu durchschauen ist.
Dieser Gebrauch der Neun aus reinem Yang ist vollkommen aufrecht und birgt kein Rest-Yin. Selbst Yao litt unter heuchlerischen Schmeichlern; daher heißt es: »Allein durch das höchste Prinzip vermag man dies«.
»Erkennt man die Regung der Wesen, so begreift man auch den Grund ihres So-Seins«: Dies zielt auf das Verbergen und Erscheinen des Drachen unten ab.
Meister Zhang sagte: »Die Regung der Wesen meint das Tun des Drachen; den Grund zu begreifen meint zu verstehen, warum er sich verbirgt und warum er erscheint.« »Das Wesen des Drachen verhält sich nicht willkürlich« besagt: Der Drache übertrifft andere Geschöpfe an Geistkraft; er handelt nie blindlings; wo es gilt, verborgen zu bleiben, verbirgt er sich; wo es gilt zu erscheinen, erscheint er.
»Wenn er auf dem Felde erscheint, geschieht dies, weil die Zeit ihm Raum gewährt«: Der Kanontext sagt lediglich »die Zeit gewährt Raum«. Wang Bi (Fusi) deutet »she« als ungehinderten Durchgang und Entfaltung.
Neun am Anfang ist verborgen; wenn Neun an zweiter Stelle auf dem Felde erscheint, hat die Zeit sich aufgetan.
»Nimmt man die Linien als Menschen und die Positionen als Zeiten«: Die Linie am Platz gleicht dem Menschen in seiner Epoche; darum: »Als König Wen im Hexagramm Die Verdunkelung des Lichts weilte, erkannte man seinen Herrn« – der Herr spiegelt die Zeit, nämlich dass Unrecht herrschte und das Licht verletzt ward.
»Als Konfuzius ein Wanderer war, erkannte man den Staat« – auch der Staat steht für die Zeit; sah man Konfuzius heimatlos umherziehen, wusste man, dass die Herrscher sittenlos waren. Die Beispiele von König Wen und Konfuzius verdeutlichen das Verbergen und Erscheinen des Drachen.
Von »Verborgener Drache. Nicht handeln« bis »Mit der Zeit fortschreiten«.
Das Zhengyi erklärt: Dies ist der vierte Abschnitt des Wenyan, der die Himmelskräfte der sechs Linien darlegt. »Die Welt wird licht und gebildet«: Das Yang-Qi ist im Felde und beginnt alle Wesen zu zeugen, darum erstrahlt die Welt in herrlicher Ordnung.
»Mit der Zeit fortschreiten«: Dies deutet die Linienbilder durch das Himmelsgesetz. Dass die Neun an dritter Stelle rastlos tätig und den ganzen Tag wachsam ist, geschieht im Einklang mit der Himmelszeit, die unaufhörlich Leben spendet.
Daher heißt es »mit der Zeit fortschreiten«. »Xie« bedeutet gemeinsam. Die Gelehrten meinen, dies entspreche dem Chen-Monat (Erde; 07:00–09:00), in dem alles wächst und nicht innehält.
Spricht man vom unaufhörlichen Wachsen, so ist es der Yin-Monat (Holz; 03:00–05:00), wo die drei Yang-Kräfte walten und das Leben unaufhörlich hervorbringen. Weil dies dem unermüdlichen Zeugen des Himmels gleicht, heißt es »mit der Zeit fortschreiten«.
Von »Vielleicht wagt er den Sprung über die Tiefe« bis »Mit der Zeit das Äußerste erreichen«.
Das Zhengyi erklärt: »Der Weg des Schöpferischen wandelt sich«: Man verlässt das untere Trigramm und tritt in das obere ein; darum »wandelt er sich«.
»Er nimmt die Stätte der Himmelstugend ein«: Der Platz entspricht der Himmeltugend; Neun an fünfter Stelle verweilt als Yang am Himmel und leuchtet weit über alles hin, darum heißt es »Himmelstugend«.
Das Zhengyi erklärt: »Da offenbart sich das Gesetz des Himmels«: Yang ist hart und erhaben; solch reine Festigkeit zu handhaben, vermag allein der Himmel; darum »offenbart sich das Gesetz des Himmels«.
Von »Das schöpferische Urprinzip ist Anfang und Gelingen« bis »Wesen und Beschaffenheit«.
Das Zhengyi erklärt: Dies ist der fünfte Abschnitt, der den ersten Abschnitt und die vier Tugenden des Schöpferischen erneut erhellt.
»Das schöpferische Urprinzip ist Anfang und Gelingen«: Da Das Schöpferische (Himmel) nicht aus sich allein eine Eigenschaft besitzt, sondern in Urbeginn, Gelingen, Förderung und Beharrlichkeit seine Tugend findet.
»Yuan« ist die erste der vier Tugenden; darum verbindet Konfuzius stets »Yuan« mit »Qian«, um deren Zusammengehörigkeit zu zeigen. Durch die Urkraft des Schöpferischen vermag es der Anfang aller Wesen zu sein und Durchdringung zu schaffen.
Dies deutet die beiden Tugenden Urbeginn und Gelingen. »Fördernde Beharrlichkeit ist Wesen und Beschaffenheit«: Dass es den Wesen nützt und das Rechte wahrt, beruht darauf, dass das Urwesen die Neigungen zügelt.
Zum Kommentar »Wäre es nicht das schöpferische Urprinzip« bis »entspringt gewiss dem wahren Wesen«: Das Zhengyi erklärt: Das Ur-Qi des Schöpferischen ist unermesslich groß, darum vermag es den Ursprung aller Wesen zu durchdringen.
Obgleich auch die Urkraft anderer Gua Wesen hervorbringt, ist deren Tugend nicht allumfassend; darum heißt es: »Wäre es nicht das schöpferische Urprinzip, wie könnte es den Anfang aller Wesen durchdringen?« Zwar vermag auch die Urkraft des Empfangenden (Erde) alle Wesen zu beginnen, da dieser Wenyan jedoch die Kraft des Schöpferischen preist, nennt der Kommentar ausdrücklich das schöpferische Urprinzip.
»Brächte nicht alles seine wahre Natur zur Entfaltung, wie ließe sich auf Dauer das Rechte bewirken?«: Das Wesen ist die angeborene Natur, rein und ohne Trug; die Neigung ist das Begehren des Wesens.
Vermag man die Neigung nicht durch das Wesen zu zügeln, sodass die Neigung dem Wesen gleicht, kann man das Rechte nicht dauerhaft behaupten.
Was die Entfaltung der sechs Linien betrifft, heißt es in den Grundregeln (Lueli): »Die Linien sprechen vom Wandel.« Zusammentreffen und Trennung, Beugen und Strecken weichen von der Gestalt ab: Das Ungestüme liebt die Stille, das Weiche schätzt das Feste; Form und Neigung stehen einander entgegen, die Substanz widerspricht dem Ursprung.
Linien dienen dazu, die Neigungen zu verdeutlichen; so entfalten sich die sechs Linien und dringen allseitig in die Gefühle aller Wesen ein. Wang Bi meint, der Anfang sei der Ort der Untätigkeit und das Ende die äußerste Grenze.
Wirkliche Stellungen besitzen nur die zweite, dritte, vierte und fünfte Linie; daher behandelt der Xici-Kommentar vornehmlich diese vier.
Obgleich die Anfangs- und die Endlinie keine festen Amtsstellungen haben, bilden sie im Ganzen Anfang und Ende; so heißt es im Tuan-Kommentar des Schöpferischen: »Die sechs Stellungen vollenden sich zur rechten Zeit.« Die zweite und vierte Linie sind Yin-Positionen; weilt Yin dort, hat es die Richtige Position (dangwei), weilt Yang dort, verfehlt es sie; die dritte und fünfte sind Yang-Positionen: weilt Yang dort, hat es die Richtige Position (dangwei), weilt Yin dort, verfehlt es sie.
In den Grundregeln heißt es: »Das Yang sucht das Yin, das Yin sucht das Yang.« Eins und vier, zwei und fünf, drei und oben entsprechen einander, wenn das eine Yin und das andere Yang ist; sind beide Yin oder beide Yang, fehlt die Entsprechung.
Dies ist der Grundriss der sechs Linien, wie er im Xici dargelegt ist und hier kurz umrissen wird. Von »Das Schöpferische vermag durch herrlichen Segen« bis »Frieden senkt sich auf die Welt«.
Das Zhengyi erklärt: »Das Schöpferische vermag durch herrlichen Segen der Welt zu nützen, ohne zu rühmen, worin der Nutzen liegt – wie groß ist das!« Dies erörtert aufs Neue Anfang, Gelingen, Förderung und Beharrlichkeit.
»Der schöpferische Anfang« meint die Schöpfung aller Wesen und erklärt »Yuan«. »Vermag durch herrlichen Segen der Welt zu nützen« erklärt »Li« (Förderung): Es meint das Vermögen, durch heilsames Wachstum der Welt Nutzen zu bringen.
Gelingen und Beharrlichkeit werden nicht eigens wiederholt, da zuvor Gelingen an den Anfang und Beharrlichkeit an den Nutzen geknüpft wurden; nennt man Anfang und Nutzen, schließt dies Gelingen und Beharrlichkeit ein.
»Ohne zu rühmen, worin der Nutzen liegt – wie groß ist das!«: Im Hexagramm Das Empfangende (Erde) heißt es »fördernd ist die Beharrlichkeit der Stute«, andernorts »fördernd ist es, Fürsten einzusetzen« oder »fördernd ist es, das große Wasser zu überqueren« – dort wird der konkrete Nutzen genannt.
Hier aber heißt es schlicht »fördernde Beharrlichkeit«, ohne ein bestimmtes Werk zu nennen, um zu zeigen, dass es überall fördernd ist.
Es beschränkt sich nicht auf eine einzige Sache, darum: »Ohne zu rühmen, worin der Nutzen liegt – wie groß ist das!« Dieser Nutzen ist allumfassend, diese Beharrlichkeit in allem wahrhaftig; darin liegt die Größe des Schöpferischen. »Groß ist das Schöpferische!
Stark, fest, mitten- und wahrhaftig, lauter und rein in seiner Essenz!« Dies preist rein die Tugend des Schöpferischen, ohne »Yuan« beizumengen. Darum heißt es schlicht: »Groß ist das Schöpferische!
Stark und fest« meint das reine, unerschütterliche Yang: sein Wesen ist kraftvoll, sein Wirken beharrlich. »Mitten-« bezieht sich auf Linie zwei und fünf, »wahrhaftig« auf fünf und zwei; darum »mitten- und wahrhaftig«. Alle sechs Linien sind Yang, das ist Lauterkeit.
Lauter und ungetrübt ist geistige Klarheit, darum »lauter und rein in seiner Essenz«.
»Die sechs Linien entfalten sich und dringen allseitig in die Gefühle ein«: Fa bedeutet hervortreten, hui bedeutet verströmen; die sechs Linien treten hervor und verströmen sich, um die inneren Regungen aller Wesen allseitig zu durchdringen.
»Zur rechten Zeit besteigt er die sechs Drachen, um den Himmel zu lenken« greift den Text des Schöpferischen Tuan auf, um dessen Sinn zu preisen.
»Wolken ziehen, Regen fällt, und Frieden senkt sich auf die Welt« bedeutet: Die ganze Welt empfängt gleichermaßen Segen, ausgewogen und ohne Ungleichheit. Von »Der Edle macht vollendete Tugend zu seinem Wandel« bis »deshalb handelt der Edle nicht«.
Das Zhengyi erklärt: Dies ist der sechste Abschnitt des Wenyan, der abermals die sechs Linien deutet. Dieser Passus erklärt den Text der Neun am Anfang.
Meister Zhou sagte: »Der obige Abschnitt ›Das schöpferische Urprinzip ist Anfang und Gelingen‹ legt Das Schöpferische und die vier Tugenden weit aus; dieser Passus ›Der Edle macht vollendete Tugend zu seinem Wandel‹ gehört ebenfalls zum sechsten Abschnitt und deutet die sechs Linien; er bildet kein siebtes Glied.« Dies leuchtet ein.
»Der Edle macht vollendete Tugend zu seinem Wandel« erhellt den Sinn des »verborgenen Drachen« der Neun am Anfang; daher stellt er diesen Ausspruch voran.
Er besagt: Der Edle soll die Vollendung seiner Tugend als sein Handeln begreifen, sodass sein tugendhafter Wandel täglich sichtbar wird; dies ist der stete Weg des Edlen, er sollte sich nicht verbergen.
Dass er heute dennoch verborgen bleibt, geschieht, weil die Zeit sein Erscheinen noch nicht gestattet; darum muss er sich verbergen. »›Verborgen‹ besagt: dunkel und noch ungesehen, der Wandel noch unvollendet« – so deutet Konfuzius den »verborgenen Drachen«.
Das Wort »verborgener Drache« im Kanon meint eine Tugend, die noch im Verborgenen ruht und nicht hervortritt, deren Taten noch nicht vollendet werden können.
»Deshalb handelt der Edle nicht«: Da die Tugend noch verborgen und das Werk unvollendet ist, tritt der Edle zu dieser Zeit nicht handelnd hervor; da er von lauter Yin umgeben ist, kann er noch nicht wirken.
Meister Zhou sagte: »Tugend entspringt dem Selbst und wohnt im Inneren, darum heißt es ›vollendet‹; Wandel wirkt auf andere und ist äußerlich, darum heißt es ›Handeln‹.« Doch gleich danach heißt es »der Wandel noch unvollendet«, somit wird auch der Wandel als vollendet bezeichnet; Zhous Ansicht dürfte daher unzutreffend sein.
»Vollendete Tugend zum Wandel machen« besagt, dass der Edle seine sittliche Tugend vollendet, um danach zu handeln; dies muss kein strenger Gegensatz sein. Das Zhengyi erklärt: Dies erhellt aufs Neue die Tugend der Neun an zweiter Stelle.
»Der Edle lernt, um zu sammeln«: Neun an zweiter Stelle steigt aus der Niedrigkeit empor und hat den Herrscherthron noch nicht inne; daher übt und lernt er, um seine Tugend anzuhäufen.
»Er fragt, um zu unterscheiden«: Bleibt beim Lernen etwas unklar, forscht er gründlich nach, um jeden Zweifel zu scheiden. Das Zhengyi erklärt: »Er weilt in Weitherzigkeit«: Man soll in weitherziger Gesinnung an seinem Platze weilen.
»Er handelt in Menschlichkeit«: Mit gütigem Herzen wirkt er auf die Wesen ein. »Das Buch der Wandlungen sagt: ›Drache, der auf dem Felde erscheint.
Fördernd ist es, den großen Menschen zu sehen‹ – das ist Herrschertugend«: Zuerst stellt er die Tugend dar und zitiert dann den Urtext des Buches der Wandlungen als Bestätigung.
Was das Buch der Wandlungen nennt, ist Herrschertugend, nämlich »in Weitherzigkeit weilen und in Menschlichkeit handeln«. Er besitzt die Herrschertugend, hat aber den Herrscherthron noch nicht inne. Von »Neun an dritter Stelle« bis »ohne Makel«.
Das Zhengyi erklärt: Dies erhellt den Text der Neun an dritter Stelle.
Zuvor wurden bei Neun am Anfang und Neun an zweiter Stelle deren Tugenden vorangestellt, ohne mit »Neun am Anfang« oder »Neun an zweiter Stelle« zu beginnen; hier bei Neun an dritter Stelle und Neun an vierter Stelle werden die Liniennamen sogleich eingangs genannt.
Bei Neun an fünfter Stelle wird der I-Ging-Text gar nicht zitiert, und bei Neun oben beginnt es mit »Hochmütig besagt«.
Dass Oben und Unten nicht einheitlich verfahren, rührt daher, dass Konfuzius den Kanontext dort aufgreift, wo es dem Sinn dient: Bei Verborgenheit und Erscheinen musste der Ursprung genannt werden, darum wurde die Grundlage vorangestellt.
Die dritte und vierte Linie teilen das Merkmal »doppelt stark und nicht in der Mitte«; um Verwechslungen vorzubeugen, nennt er bei beiden vorab die Doppelfestigkeit.
Neun an fünfter Stelle war im vorigen Kapitel bereits voll erschöpft, darum zitiert er das Buch nicht erneut, sondern nennt bloß den »großen Menschen«. Auch Neun oben war bereits voll entfaltet, darum heißt es hier schlicht »Hochmütig besagt«.
Man beachte: Neun am Anfang spricht von »Verborgen besagt«, Neun oben von »Hochmütig besagt«; dass nur diese beiden Linien das Wort »besagt« (zhi wei yan) tragen, deutet Meister Chu damit, dass Anfang und Oben stuhllose Orte sind; die übrigen vier Linien haben feste Stellungen und tragen dieses Wort nicht; dies mag zutreffen.
»Doppelt stark«: Oben und unten sind beide Yang, daher doppelt stark. »Nicht in der Mitte«: Nicht auf dem zweiten oder fünften Platz, daher nicht in der Mitte.
»Oben nicht im Himmel« meint: nicht auf dem fünften Platz; »unten nicht auf dem Felde« meint: nicht auf dem zweiten Platz.
»Daher ist sie den ganzen Tag über schöpferisch tätig und der Zeit entsprechend achtsam; droht auch Gefahr, bleibt sie ohne Makel«: An gefahrvollem Orte verweilt sie in rastloser Wachsamkeit bei Tag und Nacht, wodurch sie frei von Fehl bleibt.
Von »Neun an vierter Stelle« bis »darum ohne Makel«.
Das Zhengyi erklärt: Dies deutet den Text der Neun an vierter Stelle. Dass sie »doppelt stark und nicht in der Mitte, oben nicht im Himmel und unten nicht auf dem Felde« ist, teilt sie mit der Neun an dritter Stelle.
»In der Mitte nicht bei den Menschen«: Die dritte und vierte Linie gehören beide zum Weg des Menschen. Doch im Menschenbereich steht der Mensch unten der Erde nah und ist oben fern vom Himmel.
Neun an dritter Stelle steht der zweiten Linie nah, ist also der Erde nahe und verkörpert wahrhaft den Menschenweg; daher heißt es bei Neun an dritter Stelle nicht »in der Mitte nicht bei den Menschen«.
Neun an vierter Stelle hingegen grenzt oben an den Himmel und ist unten fern von der Erde – dies ist kein Ort, an dem ein Mensch weilen kann; daher heißt es eigens »in der Mitte nicht bei den Menschen«.
»Daher heißt es: vielleicht«: Da ihr Stand zwischen Oben und Unten ungesichert ist, hegt das Herz Zweifel. »›Vielleicht‹ drückt Zweifel aus«: Konfuzius deutet hier das Wort »vielleicht« des Kanons.
Das Wort »vielleicht« drückt Zweifel und Unentschiedenheit aus, ob man vorrücken oder weichen soll; darum zweifelt er. Obgleich Neun an dritter Stelle mitten unter den Menschen weilt, ist ihr Stand gering und bodennah, der Aufstieg schwer, daher ist ihre Sorge tief und achtsam.
Bei Neun an vierter Stelle wächst die Yang-Tugend heran, sie rückt der Fünf immer näher, das Vorrücken fällt leichter; darum hegt sie bloß Zweifel, und ihre Sorge bleibt gering. Von »Der große Mensch« bis »wieviel weniger die Geister«.
Das Zhengyi erklärt: Dies erhellt den Text der Neun an fünfter Stelle. Der vorige Abschnitt behandelte den Einklang des großen Menschen mit allen Wesen; hier wird dargelegt, dass seine Tugend mit allem übereinstimmt, und die Bereiche dieser Übereinstimmung werden entfaltet.
»Stimmt in seiner Tugend mit Himmel und Erde überein« bedeutet nach Meister Zhuang: »wie das Überdachen und Tragen«. »Stimmt in seiner Helligkeit mit Sonne und Mond überein«: meint ihr Leuchten über alles hin.
»Stimmt in seiner Ordnung mit den vier Jahreszeiten überein«: wie Belohnung im Frühling und Sommer, Strafe im Herbst und Winter. »Stimmt in Heil und Unheil mit den Geistern überein«: wie Segen für das Gute und Verderben für das Lasterhafte.
»Geht er dem Himmel voran, widerspricht der Himmel ihm nicht«: Handelt er vor der Zeit des Himmels, fügt sich der Himmel hernach und widerspricht nicht; hier stimmt der Himmel mit dem großen Menschen überein.
»Folgt er dem Himmel nach, fügt er sich in die Himmelszeit«: Handelt er nach der Zeit des Himmels, ordnet er sich ehrerbietig unter; hier stimmt der große Mensch mit dem Himmel überein.
»Wenn selbst der Himmel ihm nicht widerspricht, wieviel weniger die Menschen, wieviel weniger die Geister!«: Da selbst der Himmel nicht widerspricht, erhellt Konfuzius die erhabene Tugend des großen Menschen: Wenn das Hohe und Ferne nicht widerspricht, wie sollte das Niedere und Nahe widersprechen?
Wieviel weniger die Menschen, wieviel weniger die Geister! Von »Übermütig besagt« bis »ist das nicht allein der Weise?«.
Das Zhengyi erklärt: Dies erhellt den Sinn der Neun oben. »Vordringen kennen, aber nicht Zurückweichen; Fortbestehen kennen, aber nicht Untergang; Gewinnen kennen, aber nicht Verlieren«: Dass die Neun oben im Übermaß Reue erfährt, rührt allein von diesen drei Haltungen her.
Begriffe man alle drei vollkommen, so verfiele man selbst auf höchstem Platze nicht dem Hochmut. Dies ist ein mahnender Spruch.
Meister Zhuang sagte: »Vordringen und Weichen beziehen sich auf das Herz, Bestehen und Untergehen auf den Leib, Gewinnen und Verlieren auf die Stellung.« »Ist das nicht allein der Weise?
Wer Vordringen und Weichen, Bestehen und Untergehen kennt«: Allein der Weise vermag dies zu erkennen. Warum erwähnt er Gewinn und Verlust nicht? Gewinn und Verlust wiegen leichter als Bestehen und Untergehen; das Bedeutende schließt das Geringere ein.
»Ohne seine Richtigkeit zu verlieren – ist das nicht allein der Weise?«: Der Weise kennt nicht nur Vordringen und Weichen, Fortbestehen und Untergang, sondern vermag auch beharrlich auf dem rechten Pfad zu bleiben – ist dies nicht allein der Weise!
Dass der Text zweimal ausruft: »Ist das nicht allein der Weise?«, hat seinen Grund: Das erste Mal gilt dem Erkennen von Vordringen und Weichen, das zweite Mal dem Bewahren der Richtigkeit; der Weise erkennt nicht bloß den Lauf der Dinge, sondern verliert dabei niemals das Rechte; darum wird der Ausruf verdoppelt.